Freitag, 1. April 2011

Standortpolitik: Kooperation oder Konfrontation

Die chemische Industrie, allen voran Bayer, ist sich offenbar kaum darüber im Klaren, welchen Wert an sich sie in einem Standort wie NRW vorfindet:

NRW ist mir ca. 10 Chemparks der größte Chemiestandort Deutschlands, mitten in Europas größtem Ballungsraum. Produktion, Zulieferindustrie, Weiterverarbeiter, Dienstleister, einschlägige Forschung, bestens ausgebildete Fachkräfte, all das ist in NRW und direkt um NRW herum versammelt.

Genau das alles setzt Bayer jetzt mit der Erzwingung seiner CO-Pipeline durch Wohngebiete fahrlässig aufs Spiel. Ganze Ortschaften und Städte bringt dieses Projekt bereits gegen die Chemie auf, nur weil der NRW Kunststoffmonopolist Bayer darauf besteht, dass die ortsansässige Wohnbevölkerung das tödliche Risiko einer CO-Vergiftung akzeptieren müsse, damit die Plastikproduktion in seinen Chemparks Krefeld, Dormagen und Leverkusen im sogenannten "konzerninternen Wettbewerb" bestehen könnte.

Dabei nimmt es Bayer billigend in Kauf, dass sich mit der Inbetriebnahme der CO-Pipeline die bisher optimalen Standortbedingungen radikal verschlechtern indem das historisch gewachsene Vertrauen der Bürger erodiert und damit auch die Akzeptanz. Nicht nur gegenüber Bayer sondern letztlich gegenüber der chemischen Industrie insgesamt.

Schon beim Bau der CO-Pipeline hat Bayer nichts ausgelassen, um das Vertrauen in die chemische Industrie zu zerrütten. Über Monate hinweg lieferte Bayer der staunenden Öffentlichkeit ein Schauspiel, wie ein DAX Konzern amtliche Auflagen unterläuft, mit leichter Hand uminterpretiert, nachträglich Gutachten bestellt, um vorlaufende Versäumnisse oder Pfusch am Bau doch noch zu legalisieren.

Zu allem Überfuss ließ sich Politik und Verwaltung in die Machenschaften des Konzerns hineinziehen, und zeigte sich erschreckend hilflos, die Interessen seiner BürgerInnen gegen diese Anmaßungen diese Konzerns zu verteidigen. Angefangen bei der Bescheinigung, die CO-Pipeline sei nur zum Wohl der Allgemeinheit, bis hin zu Trassen, die durch Wohnsiedlungen verlaufen und übliche Sicherheitsabstände, fast vorsätzlich könnte man meinen, krass vermissen lassen. Solcherart vorgeführt stürzte die industriepolitisch so ergeizig gestartete CDU/ FDP Regierung bereits bei den erstbesten Wahlen über den jetzt irreparablen Glaubwürdigkeitsverlust.

Am Ende sollte sich kein Chemie-Manager wundern, wenn in NRW kein Meter Pipeline mehr wiederstandslos von der Bevölkerung hingenommen wird, und selbst bestehende Infrastrukturen auf den Prüfstand der Sicherheit gezerrt und angezweifelt werden.

Mit diesem Projekt zieht Bayer das Brennglas der Öffentlichkeit unfreiwillig auf die Chemieanlagen des Landes. Ist eine Phosgenindustrie überhaupt noch hinnehmbar? Wieso kein Plastik aus CO2? Welche Giftstoffe lagern wo in in welchen Mengen im Chempark nebenan? Sind die Standorte überhaupt sicher? Was sind die Aussagen eines Bayer-Konzerns zur Sicherheit seiner Anlagen noch wert - vor dem Hintergrund des beim Bau der CO-Pipeline erlebten? Sollten Chemparks nicht zwingend einem staatlichen Stresstest unterzogen werden - wie jetzt die Kernenergie?

Spätestens im Falle eines signifikanten Zwischenfalls an einer CO-Pipeline in NRW könnte nicht nur Bayer, sondern der gesamte Chemie-Standort NRW ein sehr ernstes Problem haben - denn dann wird abgeschaltet!

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