Sonntag, 23. November 2008

Gedankenexperiment zum „Gutachten Prof. Karl“ Gutachten für die Bezirksregierung D.-dorf zur CO-Giftgaspipeline

Nehmen wir für einen Moment an, die Pipeline sei zum Transport eines ungefährlichen aber ebenso wichtigen Grundstoffes für den Bayer Konzern geplant – unter sonst gleich bleibenden Bedingungen:

Die betriebswirtschaftlichen Probleme des Hauses Bayer die Gutachten Prof. Karl anführt sind sicher interessant für Kaufleute und Investoren, aber was geht das uns an, die wir hier in der Gegend um die drei Bayerstandorte Dormagen, Leverkusen und Krefeld-Uerdingen herum leben?

Es ist denn auch keine Erfolgsstory, sondern eher zum heulen. Offensichtlich wurde Bayers Kunststoffbereich BMS nicht sehr pfleglich behandelt: so betreibt man die Kunststoffproduktion in Krefeld-Uerdingen seit 1961!!!, also seit fast 50 Jahren: mit ein und derselben Koksvergasungsanlage und ohne „n-1“ Sicherheit, wie der Gutachten Prof. Karl feststellt, d.h. fällt die Koksvergasungsanlage aus, steht die Kunststoffproduktion still.

Ein halbes Jahrhundert war das offenbar nie ein Problem für Bayer. Jetzt solle es eins sein und die Pipeline soll es lösen. Auch die Produktion soll ausgeweitet werden. Doch nicht etwa die der jetzt 50% Spezialkunststoffe, die es so nur von BMS gibt, sondern die der „billigen“ Massenwaren, die so auch die Konkurrenz herstellt.

Hier bescheinigt der Gutachten Prof. Karl dem Konzern eine harte Konkurrenzsituation und Kostenwettbewerb.

Wer jetzt erwartet, dass der Gutachten Prof. Karl dem Bayer Konzern von einem verstärkten Engagement in einem so hart umkämpften Massenmarkt abrät wird enttäuscht.

Stattdessen berechnet er eine wundersame Wertschöpfungsmehrung für NRW. Es ist der Moment im Gutachten, wo aus jahrelangem Missmanagement bei Bayer und einer kaum standortgerecht zu nennenden Lösung (hier: gesteigerte Produktion billiger Massenware) eine volkswirtschaftliche Wohltat am Standort NRW wird.

Wenn der Kostenwettbewerb aber wirklich so hart ist, wie von Gutachten Prof. Karl begutachtet, wie ist dann ein Standort wie Krefeld-Uerdingen, bzw. sein Ausbau für billige Massenware zu rechtfertigen? BenQ und Nokia zeigten spektakulär, dass das in einem Hochlohnland wie NRW nicht darstellbar ist.

Und Bayers Kunden kann es egal sein von wem sie den Kunststoff beziehen. Er ist offenbar überall günstig zu beziehen.

Fragen die man jetzt schon stellen könnte:
- sind die Schlussfolgerungen von Gutachten Prof. Karl – positiv wie negativ - also überhaupt realistisch?
- ist irgendwo das Wohl der Allgemeinheit tangiert?
- ist der Staat gefordert?
- sollte er Bayer ggf. helfen, seine hausgemachten Probleme zu lösen?
- wenn es sein muss etwa auch durch Sonderopfer der Bevölkerung?
- sollte der Staat, hier das Land NRW, in einen Standortwettbewerb gegen die Kunststoffkonkurrenz Bayers eintreten, denn nichts anderes fordert Bayer mit diesem Gutachten?

Gut, man kann das so oder so sehen, es ist letztlich eine Frage des Glaubens wie Wirtschaft funktioniert, obwohl man seit BenQ und Nokia wissen kann, dass Unternehmen sehr „flüchtig“ sein können. Immerhin wurde BMS ja nicht aus Spaß von Bayer abgespalten. Und wenn – was mit Sicherheit bereits in 2009 passieren wird – die zukünftigen Renditen nicht den konzerninternen Vorgaben genügen, steht BMS zum Verkauf an den nächst Besten. Und wirklich wertvoll sind - wie Gutachten Prof. Karl zu Recht feststellt – nur ca. 50% der Polycarbonat Produktion. Den Rest kann ein potentieller Aufkäufer im Zweifel bereits besser selbst.

Doch machen wir weiter mit unserem Experiment:

Ein Investor möchte hoch toxisches Giftgas über eine 70 km lang Pipeline von Dormagen nach Krefeld-Uerdingen pumpen. Das Gas ist geruch- und farblos und wirkt bereits in kleinsten Mengen tödlich.

Also nicht irgendeine Produktepipeline, wie bisher unterstellt, sondern etwas ganz besonderes eben. Bei der Trassenführung wird alles genau beachtet, Bäume mit ihren Kronen und Wurzelwerk werden nach Möglichkeit umgangen, Umweltschutz und Grundwasser, alles bedacht, und so verläuft die Trasse mal gerne direkt durch Siedlungen, durch Vorgärten und an Schulen und Kindergärten vorbei. Ca. 180000 Menschen sollen fortan im unmittelbaren Bereich dieser Pipeline leben. Der Staat hilft dem Investor bei diesem Vorhaben wo er nur kann. Er stellt Grund und Boden zur Verfügung, ermöglicht die Enteignung seiner Bürger wenn es sein muss, und bemüht sich auch noch alles ganz harmlos aussehen zu lassen. Er übernimmt auch die Aufgabe der „Gefahrenabwehr“, den Trouble mit der überlebenden Bevölkerung also, wenn doch mal was schief geht. Wahrscheinlich bis hin zur „Witwen und Waisenrente“ für Hinterbliebene, alles auf Kosten des Steuerzahlers. Der Investor zahlt lediglich den Bau der Pipeline: 50 Millionen Euro.

Ist das vorstellbar in Deutschland in der EU, in der tollen 1sten Welt?

Wer will schon freiwillig neben einer solchen Giftgasleitung leben? Was kostet ein Zwischenfall? Womöglich mit Toten und Verletzten? Die zerstörten Biographien, die menschlichen Tragödien? Unwahrscheinlich ist das nicht - shit happens. Alleine in Duisburg sind 50 entsprechende Gefahrenpunkte identifiziert. Oder man denke an die Sauerstoffpipeline in Köln Pesch im August 2008: in 4 Metern Tiefe angebaggert und „geplatzt“…

Oder „nur“ mal einen Fehlalarm entlang der Pipeline angenommen: Sirenen jaulen auf, Panik macht sich breit und alle rennen los…

Wer dabei zu Schaden kommt ist selber Schuld?

Tatsächlich addieren sich hier die Risiken zu einem unkalkulierbaren Multimillionen Euro Abenteuer für Staat und Gesellschaft, Tote und Verletzte würden in Kauf genommen.

Würde NRW nicht ärmer, wäre das Land nicht nachhaltig belastet, verkäme es nicht zum Betriebsgelände eines auf die Spitze getriebenen Renditewahns vor dem im Zweifel selbst Leben und Gesundheit zurücktreten müssten?

Plausibel ist: eine derartige Politeinstellung und Geisteshaltung führt tendenziell zur Abwanderung derjenigen die es sich leisten können, zur Abwanderung oder nicht Ansiedlung von Unternehmen die nicht im Dunstkreis einer Giftgaspipeline leben und arbeiten wollen. Der Standort im Ganzen wird schleichend entwertet.

So setzt nicht das Verbot einer CO-Giftgaspipeline eine Abwärtsbewegung in Gang sondern - im Gegenteil – deren Verwirklichung.

Gutachten Prof. Karl aber begutachtet genau eine solche Giftgas-Pipelinie als notwendig zur Lösung der betriebswirtschaftlichen Probleme der Bayer Tochter BMS – zum Wohle des Chemie-Standortes NRW. In seinem Modell ist die Welt außerhalb des Werksgeländes leer. In seinem Modell hat das Unternehmen den Nutzen, der Staat, wir alle, tragen das Risiko, zahlen die Zeche in Form von enteigneten und entwerteten Grundstücken, in Form von Verlust an Lebensqualität in einer plötzlich unsicher gewordenen Umwelt mit Gefahrenabwehrplänen, Sirenenanlagen, permanenten Kontrollen zu Lande und zur Luft, allein mit der latenten Angst das doch mal etwas schief geht mit der Giftgaspipeline hinter dem Zaun…

Ich habe bei mir im Haus eine kontrollierte Be- und Entlüftung. K60 Niedrigenergie Standard. Viele meiner Nachbarn haben das auch, um Energie zu sparen, Emissionen zu vermeiden, die Umwelt zu schonen. Im Falle einer Havarie der Giftgaspipeline, 50 Meter hinterm Haus, würde sie jetzt sehr effizient für einen schnellen Gastod sorgen. Die Sirenen werden wir jedenfalls nicht mehr hören.

So etwas können sich glaube ich nur Deutsche ausdenken…

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