Montag, 24. November 2008

Volkswirtschaftliche Kosten durch CO-Giftgaspipelines in hoch entwickelten Wirtschaftsclustern

So ein Thema dürfte selbst Gutachten Prof. Karl interessieren obwohl er es in seinem Gutachten für die Bezirksregierung nur mit drei kargen Sätzen abhandelt (S. 45): 1. Satz: „Der Betrieb … kann … mit Risiken und Schäden im Zuge von Unfällen verbunden sein … die sich … auch auf (unternehmensexterne) Dritte erstrecken“, 2. Satz: „… ist davon auszugehen, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Schäden für Dritte und damit soziale Kosten ausgeschlossen werden können“ und der 3. Satz: „Sie werden deshalb an dieser Stelle nicht weiter verfolgt.“

Schade, denn es handelt sich leicht nachvollziehbar um einen schwerwiegenden Mangel des Gutachtens:

Wir haben in den letzten Monaten immer wieder erlebt, wie andere Pipelines havarierten. Z.B. auch in Köln Pesch, wo sogar eine 4 Meter tief liegende Sauerstoffpipeline aufgerissen wurde.

Die Wahrscheinlichkeiten eines solchen Ereignisses sind weltweit gesehen angeblich sehr gering. Doch in welcher Statistik stehen denn auch Lecks und kleinen „Platzer“ an tausenden Kilometern Pipelines durch die Wüsten und Outbacks dieser Welt? Da schaut doch im Zweifel niemand hin… geschweige das sie gezählt würden. Oder trauen Sie da ausgerechnet den Russen?

Hier im Rheinland, vor allem im Dunstkreis der Bayer Standorte, kommt es zu einer dramatischen Verdichtung dieser Pipelinesysteme. Hier laufen sie aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Hier ist die Wahrscheinlichkeit ungleich höher, dass es zu einem Zwischenfall kommt. Zumal auch andere Verdichtungen vorliegen: Straßennetze, Werks- und Wohnbebauungen, Luftverkehr, Wasserstraßen… Es ist sicher nicht sicherer, wenn ganze Pipelinebündel mit Eröl, Erdgas, Sauerstoff, Wasserstoff und jetzt auch noch wie geplant mit todbringendem Kohlenmonoxid, kilometerlang neben Autobahnen, unter Autobahnen, Landstraßen und Flüsse hindurch geführt werden, durch Siedlungen mit hunderttausenden von Anwohnern. Hier wo tagtäglich rumgebuddelt und gebohrt wird – es ist halt immer was zu tun.

Die Wahrscheinlichkeit eines Zwischenfalls wächst mit jedem Kreuzungspunkt, mit jeder Verdichtung, da helfen die „guten“ Statistiken von Pipelines durch die russische Taiga oder arabische Wüsten wohl kaum. Alleine im Duisburger Süden sind 50 Stellen identifiziert, die es so in keiner Wildnis gibt, durch die die statistisch so sicheren Pipelines laufen. Und, die meisten transportieren „nur“ Erdöl oder Erdgas. Und nicht etwa Kohlenmonoxid…

Es ist also nur plausibel, das Gutachten des Gutachten Prof. Karl in diesem Punkte wie folgt zu ergänzen:

Mit der Schädigung externen Dritter ist zu rechnen.

Aufgrund des gewachsenen Risikos und der damit einhergehenden Unsicherheit in der direkten Umgebung der Pipelinetrasse, ist von der Entwertung der Grundstücke und Bebauungen im genannten Bereich auszugehen. Eine entsprechende Abschätzung hierzu liegt bereits vor: ->

Die Quantifizierung der Kosten im Falle einer Havarie der CO-Giftgaspipeline könnten einigermaßen plausibel folgendermaßen vorgenommen werden:

Im Internet findet sich eine ältere Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BaSt) über die "Volkswirtschaftlichen Kosten durch Straßenverkehrsunfälle in Deutschland".

Mangels besserer Datenlage arbeite ich im Folgenden mit den dort verwendeten Daten aus dem Jahr 1998, um die möglichen volkswirtschaftlichen Kosten einer Havarie der CO-Giftgaspipeline einmal modellhaft zu quantifizieren.

Eine jährliche Kostensteigerung von ca. 4% unterstellt (z.B. OECD, Weltbank, UN), wäre heute in 2008 - konservativ plausibel - mit folgenden pro Kopf Kosten zu rechnen:

ein Toter: 1,75 Millionen Euro
ein Schwerverletzter: 120 Tausend Euro
ein Leichtverletzter: 5500 Euro

Zitat BaSt:
"Bei der Berechnung der volkswirtschaftlichen Kosten durch Straßenverkehrsunfälle werden alle Unfallfolgen berücksichtigt, die zu Kosten führen: Reproduktionskosten werden aufgewendet, um durch den Einsatz medizinischer, handwerklicher, juristischer, verwaltungs- technischer und anderer Maßnahmen eine äquivalente Situation wie vor dem Verkehrsunfall herzustellen. Ressourcenausfallkosten erfassen die Minderungen an wirtschaftlicher Wertschöpfung, die dadurch entstehen, dass die durch Unfall verletzten oder getöteten Personen nicht mehr in der Lage sind, am Produktionsprozess teilzunehmen. Dadurch wird das Sozialprodukt verringert. Bei Straßenverkehrsunfällen werden ferner Fahrzeuge beschädigt oder vernichtet. Diese Fahrzeuge stellen Sachkapital dar. Durch die unfallbedingten Beschädigungen steht dieses Sachkapital im Produktionsprozess zeitlich begrenzt oder dauerhaft nicht mehr zur Verfügung. Hierdurch entstehen ebenfalls volkswirtschaftliche Wertschöpfungsverluste. Durch Straßenverkehrsunfälle entstehen zudem auch Verluste außerhalb der marktmäßigen Wertschöpfung (Wertschöpfung in Hausarbeit und Schattenwirtschaft). Zur Berechnung aller volkswirtschaftlichen Unfallkosten sind auch diese außermarktlichen Verluste zu erfassen.
Humanitäre Kosten sind Folgen von Personenschäden, die mittelbar zu Ressourcenverlusten führen. Humanitäre Unfallfolgen ohne Ressourcenverluste werden in der Unfallkostenrechnung nicht berücksichtigt. Leid und Trauer in Folge eines Unfallereignisses werden hier nicht bewertet."

Im weiteren bin ich so "fair", potentielle Opfer in ihrem Bruttowertschöpfungsbeitrag genau so in Ansatz zu bringen, wie Gutachten Prof. Karl es auch für einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz am Standort Uerdingen annimmt: also mit 60000 Euro (aufatmen im Management der Bayer AG, Herr Wenning und seine Vorstandskollegen gehören offenbar nicht zu den Opfern).

So kann man Kosten für Tote und Verletzte auch wie folgt darstellen:

ein Toter entspricht 29 Arbeitsplätzen
ein Schwerverletzter entspricht 2 Arbeitsplätzen
ein Leichtverletzter geht mit ca. 0,1 Arbeitsplatz in die Rechnung ein

Jetzt fehlt noch ein plausibles Unfallszenario an der CO-Giftgaspipeline: das hatten wir ja schon, ein Bohrer trifft auf der Suche nach einem Kanal die CO-Röhre, so wie bei der Sauerstoffleitung in Köln Pesch letzten Sommer...

Es kommt zu einem folgenschweren Zwischenfall, der in Anlehnung an das ICE Unglück von Eschede (was die Verteilung auf die Opfergruppen angeht) nach Abschluss der Bergungsarbeiten, folgende Bilanz ausweist:

34 Tote
30 Schwerverletzte
36 Leichtverletzte

oder in Arbeitsplätzen à 60000 Euro Bruttowertschöpfung ausgedrückt:

34 * 29 + 30 * 2 + 36 * 0,1 = 1050 Arbeitsplätze d.h. 63 Millionen Euro Bruttowertschöpfung.

Das waren jetzt insgesamt „nur“ 100 Opfer. Stellt man das Gefahrenpotential einer CO-Giftgaspipeline in Rechnung handelt es sich hier tendenziell eher um einen kleinen "Zwischenfall":

Bei 1000 Opfern, die gleiche Opferverteilung unterstellt, wären es schon 10500 Arbeitsplätze die eine Bruttowertschöpfung von 630 Millionen EUR repräsentierten usw.

Vielleicht sollte man das erst mal so stehen lassen.

Keine Kommentare: