Sonntag, 30. November 2008

Vorläufiges Fazit

Der Bau der CO-Giftgaspipeline ist de facto eine 850 Mio. EUR Investition, die betriebswirtschaftlich wegweisend finanziert wird: 50 Mio. durch den Investor Bayer selbst, 800 Mio. durch die Trassenasis vom rechten Niederrhein (s. Ausführungen im Planergänzungsbeschluss zur Bedeutung möglicher römischer Bodendenkmäler in linksrheinischer Erde). Als Gegenleistung hat sich Bayer gegenüber dem Land NRW verpflichtet:

- "die Kohlenmonoxid-Rohrfernleitung ... dauerhaft zweckentsprechend zu betreiben ..."
- "... das die Umweltbilanz der Kohlenmonoxidproduktion ... verbessert wird ..."
- "Dritten den diskriminierungsfreien Zugang ... zu gewähren"

(Quelle: Planergänzungsbeschluss S. 13)

Nicht das nachher wieder keiner was gewusst haben will: in dem „Abkommen“ steht nichts von 7000 sicheren Arbeitsplätze in Uerdingen oder einer "Gesamtwirtschaftlichen Output-Wirkung" von 4,2 Mrd. EUR Wertschöpfung! Die gibt es nur, wie gezeigt, in der Phantasie eines Gutachten Prof. Karl.

Warum das so ist wurde in den vorangegangen Beiträgen herausgearbeitet:

Negative externe Effekte werden vom Gutachten Prof. Karl und der Bezirksregierung ausgeblendet, besser: geleugnet. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es wirklichkeitsfremd ist Unfälle, leider auch an Pipelines, in Abrede zu stellen: das Anbohren einer in 4 Metern Tiefe verlaufenden Sauerstoffpipeline letzten Sommer in Köln Pesch wird hier beispielhaft angeführt.

Der von Gutachten Prof. Karl unterstelle Auslöser kurz-, mittel- und langfristiger Effekte existiert nicht: es gibt keine 30%ige Überproduktion an Polycarbonat in NRW, folglich wäre eine Verlagerung eines entsprechenden Anteils der Produktion ins Ausland betriebswirtschaftliches Harakiri.

Deutschland exportiert kein Polycarbonat, im Gegenteil, es muss im Ausland zukaufen. Die Zahlen der Aussenhandels- und Produktionsstatistiken des Statistischen Amtes der Europäischen Union belegen das klipp und klar.

Auch wurde plausibel nachgewiesen: der Chemie-Standort NRW würde nicht wegen einer fehlenden CO-Giftgaspipeline gefährdet, sondern nur durch eine solche Leitung. Ein jederzeit möglicher Unfall außerhalb des Werksgeländes, bei dem BürgerInnen durch CO zu Schaden kämen, könnte sehr leicht eine Abwärtsspirale anstoßen, an deren Ende tatsächlich das Aus für die Großchemie in NRW, wie wir sie kennen, stehen könnte.

Die Umweltbilanz Steam-Reformer versus Koksvergasung bewegt sich, was die Gesamtbelastung durch die Plastikherstellung angeht, im Bereich des statistischen Rauschens. Würde hingegen eine ehrliche Rechnung aufgemacht, würde klar, dass Plastikherstellung nur eine Art zeitlich verzögerte CO2 Freisetzung darstellt. Am Ende wird auch Plastik verbrannt. Im Falle des Polycarbonats bedeutet das nichts anderes, als dass die pro Molekül gefangenen C Atome wieder frei kommen, um sich mit Sauerstoffatomen zu CO2 zu verbinden. Noch gravierender könnten sich die durch Verwitterung frei werdenden Plastikgranulate bemerkbar machen, die bereits unsere Meere und Küsten verseuchen und die Nahrungskette bedrohen. Aber Nachhaltigkeit ist natürlich nicht wirklich ein Thema männerbündischer DAX Vorstände…

Oder könnte man sich dieses menschenverachtende CO-Giftgaspipeline Projekt eigentlich ernsthaft vorstellen wenn auch Frauen im Bayer-Vorstand Sitz und Stimme hätten?

Ja und dann wäre da noch der „diskriminierungsfreie Zugang“ zum Giftgas, wie von Bayer versprochen. Ernsthaftes Angebot oder Augenwischerei? Plausibler ist: ohne diese Klausel käme man in D.-dorf evtl. schnell in Erklärungsnot gegenüber der Bundesnetzagentur, dem Bundeskartellamt oder der EU, wo man ja gerade mühsam versucht solche Leitungskartelle zu zerschlagen.

Die von der Bezirksregierung im Planergänzungsbeschluss geführte Pseudodiskussion alternativer Trassen ist schon verschärft, wie nicht nur das oben schon genannte „Römer“ Argument belegt: sie dient ausschließlich als nachträgliche Rechtfertigung der Bezirksregierung mit der rechtsrheinischen Trasse intuitiv die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wie am Beispiel Duisburg-Süd aufgezeigt wurde, wird hier sogar einem verlängerten Trassenverlauf durch eine Siedlung statt der kurzen Querung eines unbesiedelten Wasserschutzgebietes der Vorzug gegeben. Soweit zur lockeren Interpretation der TRFL Ziffer 3.1, 3.1.1 „Meidung von Siedlungsgebieten“ durch die Bezirksregierung D.-dorf. Verschärft kommt hinzu, dass das extreme Giftgas CO noch nicht einmal in der Stoffliste der TRFL aufgeführt wird!!! Dies und die 50 durch das Veenker-Gutachten identifizierten Gefahrenpunkte allein in diesem Abschnitt sprechen eine deutliche Sprache über die vorherrschende Gesinnung in der D.-dorfer Planungsbehörde.

Die rechtsrheinische Trasse wurde jedenfalls nicht vorher von einer Nickel GmbH auf Machbarkeit und optimalen Verlauf hin untersucht. Insofern vergleicht das Nickel-Gutachten Äpfel mit Birnen bzw. Neandertaler mit Römern – im Ernst… und da die Neandertaler einer ausgestorbenen/ ausgerotteten? Spezies angehören, Sie wissen schon, 1:0 für die Römer.

Man bleibt als Bürger, nach der Lektüre solcher Gutachten und einem Planergänzungsbeschluss, für den nachträglich neun Experten eingekauft wurden (ebenfalls auf unsere Kosten, das wollen wir mal nicht vergessen), um allen Ernstes eine CO-Giftgaspipeline als „Wohl der Allgemeinheit“ zu interpretieren, verstört zurück. Irgendwas läuft hier mächtig schief in NRW.

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