Dienstag, 22. November 2011

Der Lügende Holländer

Bisher kannte man den Fliegenden Holländer. Ein holländischer Kapitän, der Gott verfluchte weil er sein Schiff nicht im Griff hatte und zur Strafe als Geisterfahrer zur See endete. Jetzt gibt es wieder einen Holländer, der offensichtlich seine Probleme lieber anderen zuschiebt. Nach Berichten der WAZ und RP ließ sich Bayer-Chef Marijn Dekkers jüngst im Kreise der kommunistischen Führungskader Chinas über die Unzufriedenheit des Bayer Konzerns mit der Rechtsstaatlichkeit am Bayer-Standort Deutschland aus.

Mit Blick auf die bisher gerichtlich blockierte CO-Giftgasleitung durch die Wohngebiete Nordrhein-Westfalens sprach Dekkers in China verniedlichend von "Chemiepipeline" und beklagte, neben mangelnder "Innovationsakzeptanz" und "Planungssicherheit", die juristischen Auseinandersetzungen mit Anwohnern und den Hang der Deutschen selbst kleinste Risiken vermeiden zu wollen. Wie gut, dass wenigstens in der Volksrepublik China alles so gut klappt... Deren Führungsclique wird sich auf die Schultern klopfen. Endlich wird Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als Standortnachteil entlarvt. Und das auch noch vom Bayer-Chef aus Deutschland persönlich.

Es ist eine Sache, als Holländer Deutschland-Bashing in China zu betreiben (man stelle sich das nur mal in einer anderen Konstellation vor). Doch es ist etwas ganz anderes, wenn der Chef eines DAX-Konzerns mit solchen Äußerungen einen Realitätsverlust dokumentiert der ihn für diesen Posten disqualifiziert.

Selbst in Shanghai gibt es keine "Chemiepipeline", die Kohlenmonoxid durch die Wohnviertel der Stadt transportiert, wie es überhaupt auf der ganzen Welt keine vergleichbar fahrlässige Trassenführung - wie sie in Nordrhein-Westfalen zu besichtigen ist - für dieses „Produkt“ gibt. Und damit erschöpft sich auch schon Bayers Innovationspotential in diesem Fall.

Die angeblich fehlende "Innovationsakzeptanz" in Deutschland allgemein und NRW ganz speziell ist jedenfalls eine echte Lachnummer. Seit Jahrzehnten hat die chemische Industrie keine bahnbrechende Innovation mehr hinbekommen (s. auch Roland Berger in der FAZ vom 21.11.11.). Statt auf innovative Plastikerzeugung aus dem Klimagas Kohlendioxid, setzt auch Bayer bei seinen aktuell laufenden weltweiten Kapazitätsausbauten auf Jahrzehnte hinaus weiter ausschließlich auf Produktionsverfahren, wie sie bereits seit einem halben Jahrhundert im Wesentlichen unverändert zur Anwendung kommen. Die einzig wegweisende Innovation jedoch, nämlich Plastik aus dem Klimagas Kohlendioxid zu erzeugen und damit langfristig der Atmosphäre zu entziehen - und wer hat’s eigentlich erfunden Herr Dekkers, etwa die Chinesen? – kommt bei Bayer lieber bei Preisausschreiben zum Einsatz.

Unter „Planungssicherheit“ versteht Herr Dekkers offenbar eine staatliche Garantie, Projekte des Konzerns immer und überall bedingungslos zu unterstützen. Natürlich ohne Gegenleistung, wie etwa dem Einhalten von in rechtlich bindenden Planfeststellungsbeschlüssen vereinbarten Prozeduren. Selten ist ein Fall bekannt geworden, wo ein Vorhabenträger, die mit dem Staat getroffenen Vereinbarungen so ungeniert und öffentlich als wertfreie Prosa bloßstellte, wie der Bayer Konzern im Fall der CO-Giftgasleitung.

Dass sich ein DAX-Vorstand über juristische Auseinandersetzung mit Anwohnern wundert, denen sein Konzern auch mit dem Zwangsmittel der Enteignung eine Giftgasleitung vor die Haustür legt, dokumentiert einmal mehr eine ausgeprägte Verachtung des Rechtsstaates. Auf dem juristischen Prüfstand steht z.Zt. nichts anderes als die Frage, ob der Bau und Betrieb einer CO-Giftgasleitung durch einen privaten Investor namens Bayer dem Wohl der Allgemeinheit dient und damit den grundgesetzlich garantierten Schutz des Eigentums aushebeln darf. Oder anders formuliert: Muss der Bürger Eigentumseingriffe und damit Wertverluste klaglos hinnehmen, damit der Bayer Konzern seinerseits seinen Eigentümern höhere Renditen ausschütten kann? Schließlich hätte Bayer seine vor Ort bestehende Produktion von Kohlenmonoxid in Krefeld-Uerdingen ja auch ausbauen oder seine Kunststoffproduktionen am Standort Dormagen zusammenführen können.

Schon der Fliegende Holländer verfluchte lieber seinen Gott, anstatt es mit einer angepassten Strategie zu versuchen. Auch der Holländer Dekkers lügt sich jetzt mit der unmöglichen Sicherheit seiner „Chemiepipeline“ durch die dichtbesiedelten Wohngebiete von 150.000 Menschen lieber einen in die Tasche und macht überall nur noch feige Deutsche aus, als sich endlich ehrlich zu machen und entsprechend zu handeln. Aber das würde wohl etwas mehr Courage vom Holländer erfordern, die offenbar auch schon sein Fliegender Vorfahre vermissen ließ.

Kapitän Dekkers hält das Bayer-Schiff lieber auf dem alten Kurs. Weiter geht die große Geisterfahrt.

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